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Wolfsgeschichten

Ein Indianer und ein Wolf

Vor vielen Jahren lebte ich mehrere Monate mit Ken Nukwon, einem alten Indianer, im kanadischen Yukon, nördlich des Polarkreises. Abends saßen wir im Licht der Petroleumlampen und er erzählte Geschichten. Eine davon habe ich aufgeschrieben ...

Eines Winters kontrollierte ich mit meinen Schneeschuhen die Trapline, wo ich Fallen für Marder und Luchse gestellt hatte. Als ich wieder zur Hütte zurückkam, sah ich an Spuren im Schnee, dass mir offensichtlich einer meiner Hunde gefolgt war. Ich sah nach, aber alle Hunde waren angekettet an ihrem Platz. Am nächsten Tag waren die Spuren wieder da und das Tier war mir erneut gefolgt, ohne aber in eine der Fallen zu treten. Als ich das nächste Mal wieder die Fallen kontrollierte, versteckte ich mich auf halbem Wege hinter einer umgestürzten Fichte, und tatsächlich kam nach wenigen Minuten ein Wolf den Weg entlang. Er war zerzaust und abgemagert, offensichtlich sehr hungrig. In fünf Metern Entfernung entdeckte er mich, blieb kurz stehen und sah mich etwas verschämt an. Dann trottete er langsam wieder zurück. Ich hätte ihn leicht schießen können, aber ich war neugierig, mehr über diesen Wolf zu erfahren
Am Abend, als ich die Hunde fütterte, sah ich den Wolf wieder. Er stand zwischen den Bäumen, etwa 20 m entfernt und sah mich erneut an. Schließlich warf ich auch ihm einen gefrorenen Lachs zu, den er aber nicht anrührte, solange ich bei den Hunden war. Erst als ich in der Hütte verschwunden war, konnte ich durch das Fenster beobachten, wie der Wolf den Lachs nahm und damit im Wald verschwand. Den Hunden tat er nichts. In den nächsten Tagen wiederholte sich das Spiel. Ich sah den Wolf oft, aber er hielt immer Abstand. Nach einigen Tagen freundete er sich mit meinen Hunden an und spielte ausgiebig mit ihnen. Der Wolf blieb den ganzen Winter über bei mir. Ich fütterte ihn, und er schlief bei meinen Hunden. Der Wolf blieb bis zum Frühjahr; dann verschwand er genauso plötzlich, wie er gekommen war.
Drei Jahre später sah ich an einem Winterabend erneut einen Wolf zwischen den Bäumen nicht weit von meiner Hütte stehen. Ich erkannte ihn sofort wieder. Es war ohne Zweifel 'mein' Wolf. Inzwischen war er stark und groß. Er stand eine Weile da und beobachtete uns. Dann verschwand er wieder in den Wäldern. Nach einer Stunde vernahm ich sein lang gezogenes Heulen, ein Abschiedsgruß und ein Dankeschön, dass ich ihm damals über den Winter geholfen hatte.

− Autor unbekannt

Wolf

Gedanken eines Wolfes

Seit den Zeiten, als nur Sonne und Mond uns Licht gaben, kannte ich Dich. Aus den riesigen und undurchdringlichen Wäldern heraus beobachtete ich Dich. Ich war Zeuge, als Du das Feuer bändigtest und fremdartige, neue Werkzeuge machtest.

Von den Kämmen der Hügel und Berge aus sah ich Dich jagen und beneidete Dich um Deine Jagderfolge. Ich fraß Deine Beutereste und Du fraßt meine Beutereste. Ich lauschte Deinen Gesängen und sah Deinen Schatten um die hellen Feuer tanzen. In einer Zeit, so weit zurück, dass ich mich kaum mehr erinnern kann, schlossen sich einige von uns Dir an um mit Dir an den Feuern zu sitzen. Sie wurden Mitglieder Deines Rudels, jagten mit Dir, beschützten Deine Welpen, halfen Dir, fürchteten Dich, liebten Dich.

Und für sehr lange Zeiten lebten wir so zusammen, denn unsere Wesen waren sich sehr ähnlich. Deswegen hast Du die Zahmen von uns adoptiert. Ich weiß, einige von Euch respektieren auch mich, den Wilden. Ich bin ein guter Jäger. Auch ich respektierte Dich. Auch Du warst ein guter Jäger. Ich sah Dich oft gemeinsam mit den Zahmen Beute erlegen.

In jenen Zeiten gab es alles im Überfluss. Es gab nur wenige von Euch. Die Wälder waren groß. Wir heulten zusammen mit den Zahmen in der Nacht. Einige von ihnen kehrten zu uns zurück, um mit uns zu jagen. Einige von ihnen fraßen wir, denn sie waren uns zu fremd geworden. So lebten wir zusammen für lange, lange Zeiten. Es war ein gutes Leben.

Manchmal stahl ich von Deiner Beute, und Du stahlst von meiner Beute. Erinnerst Du Dich, wie Dein Rudel hungerte als der Schnee hoch lag? Du fraßt die Beute, die wir erlegt hatten. Das war unser Spiel. Das war unsere gegenseitige Schuld. Manche nannten es ein Versprechen.

Wie viele der Zahmen aber wurdest auch Du uns immer fremder. Wir waren uns einst so ähnlich, aber jetzt erkenne ich einige der Zahmen nicht mehr und ich erkenne auch einige von Euch nicht mehr. Du machtest auch die Beute zahm. Als ich begann, Deine zahme Beute zu jagen (es waren dumme Kreaturen, auf die die Jagd keine Herausforderung war, aber die wilde Beute war verschwunden), jagtest Du mich und ich verstand nicht, warum.
Als Deine Rudel immer größer wurden und begannen, gegeneinander zu kämpfen, sah ich Eure großen Kriege. Ich fraß jene, die Du erschlagen hattest. Dann jagtest Du mich noch mehr, denn für mich waren sie Nahrung, aber Du hattest sie getötet.

Wir Wilden sind nur noch wenige. Du zerstörtest unsere Wälder und brachtest viele von uns um. Aber ich jage immer noch und füttere meine versteckten Welpen, wie ich es immer getan habe. Ich frage mich, ob die Zahmen eine weise Wahl trafen, als sie sich Euch anschlossen. Sie haben den Geist der Wildnis vergessen. Es gibt viele, viele von ihnen, aber sie sind mir so fremd.
Wir sind nur noch wenige und ich beobachte Dich immer noch, um Dir auszuweichen.

Ich denke, ich kenne Dich nicht mehr länger.

− Aus Jim Brandenburg's Buch "Brother Wolf"

Wolfhowl

 

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